"Mein
Name ist Afra"
von Angela
Dopfer-Werner
Eine Besprechung
von Werner Friebel
Schon Jahre, bevor
die Welle an "Historischen Romanen" in die Buchhandlungen
schwappte, begann die Autorin mit der Arbeit und gründlichen
Recherchen zu ihrem nun vorliegenden ebut.Hintergrund: 1957 wurde
bei Grabungen in der Nähe ihres südbairischen Heimatortes
Peiting im Torfmoor in einem Holzsarg eine gut erhaltenen Frauenleiche
gefunden, die man dem Früh- oder Hochmittelalter zuordnete. Die
Umstände ihres Todes, die für diese
Region unübliche Bestattungsart und die soziale Zugehörigkeit
sind bis heute rätselhaft, ein weites Feld für Spekulationen.Die
akribische Spurensuche historisch belegbarer Fakten und die wenigen
bekannten sozio-ökonomischen Verhältnisse jener Zeit verwob
Angela Dopfer-Werner zu einem zwar fiktionalen, aber durchaus vorstellbaren
Szenario und Sittengemälde der Zeit kurz vor der ersten Jahrtausenwende.Es
war die Zeit der Ungarneinfälle nach
Süddeutschland. Das Leben der Menschen hier war von einem bäuerlichen
Lebensrhythmus geprägt, gesellschaftlich strukturiert durch die
Hierarchie von Hochadel, Niederadel, freiem Bauerntum und dem Gros
der Knechte, Unfreien und Leibeigenen.Und über allem die politische
und soziale Macht der Kirche.Diese Realitäten bilden den Rahmen
für die fesselnde Geschichte der Freundschaft zweier Frauen,
die von deren Kindheit ab erzählt wird. Als Ich-Erzählerin
legt
eine der beiden, Afra, nach über 1000 Jahren, sozusagen aus dem
Off der (Un-)Toten, eine Biographie ihres gemeinsamen Lebens vor,
das
gleichzeitig ein Schuldgeständnis ist. Geschickte Perspektivenwechsel
zur Betrachtungsweise eines Chronisten objektivieren das "Es
könnte so gewesen sein".Dabei bedient sich die Autorin nicht
eines einfach zu durchschauenden Plots, sondern verwebt mannigfaltige
Handlungsstränge und menschliche
Beziehungsgeflechte von Liebe und Leid, Eifersucht, Neid, Geburt und
Tod. Mit reichlicher Liebe zum Detail schmückt sie das Alltagsleben
der Menschen aus, etwas "überaquarellisiert" tauchen
die Landschaftsbilder ins Leserauge - doch gerade darin liegt die
überzeugende Eindringlichkeit, wenns ums "Eingemachte"
der Gefühle geht. Etwa bei der Schilderung eines grausamen
Ungarn-Überfalls auf "Pitengouua", beim Leiden und
Sterben der Frauen im Kindbett, der seelischen Qual einer Abtreibung,
aber auch bei der unkitschigen Annäherung an Momente des Glücks.Ein
zentrales Thema des Romans ist die Unterdrückung der Frauen in
dieser Zeit, als das Verheiraten Kalkül einer Blut-und-Boden-Politik
der von Männern dominierten Sippen war.Während Afra in dieser
scheinbaren Unausweichlichkeit eine passable Zufriedenheit
findet, begehrt ihre Freundin Richlith dagegen auf, sieht sie doch
in dem Vorbild der "emanzipierten", weisen, alleinlebenden
und doch liebenden Seherin und Heilerin Justinia einen möglichen
Gegenentwurf.Richlith läßt sich nicht beugen in ihrem Wunsch,
zu
lieben und geliebt zu werden.Obwohl die Autorin am Ende mit der sich
rasch zuspitzenden Schlußdramaturgie und dem
gefühlsbetonten Sprachduktus für meinen Geschmack etwas
heftig auf die Tränendrüsen drückt (beabsichtigt natürlich),
ist der Roman von Pilcher-Rührseligkeit weit entfernt.Angela
Dopfer-Werner richtet ihr Okular aus dem Blickwinkel einer Frau an
der Innenwelt der
Protagonistinnen aus (was ja für männliche Leser mitunter
recht lehrreich sein kann), hat sich aber durch die Vielfalt dieser
plastisch, plausibel und spannend erzählten Geschichte das verdächtige
Etikett "Frauenroman" nicht aufkleben lassen.
©Werner Friebel

Roman
Herbig, 336 Seiten, ISBN 3-7766-2185-0