Freie Rhythmen (mask.)
Reimlose Verszeilen von beliebiger Länge ohne planvoll geregelte Abfolge von Hebungen, ohne Gleichmaß der Silben oder gleichmäßige Zäsuren pro Verszeile. Freie Rhythmen kennen keine feste Strophengliederung, wenngleich Verszeilen in Gruppen gegliedert werden können.
Einen festen Platz in der deutschen Lyrik nehmen Freie Rhythmen seit der 2. Hälfte des 18. Jh.s (Sturm und Drang) ein. Entstanden aus der Nachbildung antiker Vers- und Strophenformen sowie unter dem Einfluss der Psalmen, werden Freie Rhythmen meist da bevorzugt, wo emphatisch-erhabene, alltagsferne Inhalte zur Sprache kommen sollen (Klopstock, Goethe, Hölderlin, Novalis). Wechseln Trakl, Benn, Brecht u. a. Klassiker der Moderne noch zwischen Freien Rhythmen und metrisch geregelten Formen, so sind Freie Rhythmen in der Lyrik der Gegenwart meist die Regel.

(Bsp.:)   Johann Wolfgang Goethe

Herbstgefühl

Fetter grüne, du Laub,
Am Rebengeländer
Hier mein Fenster herauf!
Gedrängter quellet,
Zwillingsbeeren, und reifet
Schneller und glänzend voller!
Euch brütet der Mutter Sonne
Scheideblick, euch umsäuselt
Des holden Himmels
Fruchtende Fülle,
Euch kühlet des Mondes
Freundlicher Zauberhauch,
Und euch betauen, ach!
Aus diesen Augen
Der ewig belebenden Liebe
Vollschwellende Tränen.

zurück